Texte zum Universitätsbegriff

Wissenschaft aus der Tiefe des Geistes

In seiner Denkschrift Über die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin geht Humboldt auch auf inhaltliche Fragen ein, auf die wissenschaftliche Arbeit selbst betreffende Motive, die eine fruchtbare Entfaltung der Wissenschaften fördern. So betont er neben dem bereits erwähnten Motiv, die Wissenschaft als etwas „nie ganz Aufzufindendes zu  betrachten, und unablässig sie als solche zu suchen“[i]: Sie müsse „aus der Tiefe des Geistes heraus geschaffen“[ii] werden und könne nicht durch „Sammeln extensiv aneinandergereiht werden“[iii], denn:

„nur die Wissenschaft, die aus dem Inneren stammt und in‘s Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter um, und dem Staat ist es ebenso wenig als der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu thun.“[iv]

 

Wissenschaft, die aus „dem Inneren stammt“ ist eine Wissenschaft, die von dem Innersten des Menschen, seinem Selbst, ergriffen und geschaffen wird. Es sollen keine fertigen Lehrmeinungen übergestülpt werden, sondern jeder Mensch soll selbst erkennen, selbst forschen, selbst denken. Und eben weil er es voll und ganz selbst ist, der sucht, forscht und erkennt, was er suchen, forschen und erkennen will, deswegen bleibt die Wissenschaft nicht ein äusserliches, oberflächliches Aneignen von auswendig gelernten Informationen, die von einer Prüfungsordnung vorgegeben werden und nach der Prüfung schnellstmöglich wieder vergessen werden, sondern etwas, dass ihn um der Sache selbst willen interessiert, bewegt und daher bis in seinen „Charakter“, ja bis in sein „Handeln“ hinein (um-)bildet.

  

Denn das autoritär vorgeschriebene Wissen, das nur um der Diplomierung willen gelernt und erforscht wird, bzw. um des Geldes (der Industrie) willen (Brotgelehrtentum), bzw. zur Erfüllung von Vorschriften, wird nicht aus dem freien inneren Interesse an der Sache gelernt und erforscht, sondern um eines ausserhalb der Sache liegenden Zwecks willen, also im Grunde ohne Interesse, ohne Begeisterung, weswegen es nicht aus dem „Inneren stammen“ und auch nicht „in‘s Innere gepflanzt werden kann“; denn ins Innere kann nur gepflanzt werden, was aus dem Inneren stammt. Begeisterung und Interesse kann nur wecken, was seinerseits aus Begeisterung und Interesse stammt.

  

Interesselosem Wissen fehlt die Kraft, den „Charakter umzubilden“ und bleibt demzufolge als blutleere Information im „Kopf stecken“, weswegen dieses Wissen nichts „für die moralische Cultur der Nation“[v] vermag, da die „moralische Cultur“ nicht auf Wissen, sondern auf Idealen beruht, d.h. auf ethischen Ideen, bzw. „Werten“ (z.B. Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität, Vollkommenheit usw.), für die sich der Mensch um ihrer selbst willen begeistert.

  

Die „wissenschaftlichen Anstalten, als des Gipfels, in dem alles, was unmittelbar für die moralische Cultur der Nation geschieht, zusammenkommt“[vi] können diese Gipfelfunktion also nur erfüllen, wenn aufgrund von Freiheit und Einsamkeit ein fruchtbares, immer im Forschen bleibendes Zusammenwirken entsteht, in dem das Interesse an Ideen (Wissenschaft), und in der Folge die Begeisterung für Ideale (Moral) „in‘s Innere gepflanzt werden kann“.

   Das staatliche Reglementieren des geistigen Lebens ist nach Humboldt nicht dazu geeignet, diese „Umbildung des Charakters“ und in der Folge die „moralische Cultur“ zu bewirken; ebensowenig ein Reglementieren nach vermeintlich „ethischen Prinzipien“. Sondern dies vermag einzig und allein die von staatlicher und wirtschaftlicher Einmischung unabhängige Einsamkeit und Freiheit der „unter eigener Leitung“ Forschenden und Lernenden.

Universalität

Für den die „Tiefe des Geistes“ suchenden Humboldt handelt es sich bei wahrer Wissenschaft nicht „um Wissen und Reden“[vii]. Sie soll den „Charakter umbilden“, nicht vielwissende Wasserköpfe und hohle Rhetoriker erzeugen. Um „diesen Abweg zu verhüten“ empfiehlt Humboldt…

„ein dreifaches Streben des Geistes rege und lebendig zu erhalten:

   einmal Alles aus einem ursprünglichen Princip abzuleiten (wodurch die Naturerklärungen z.B. von mechanischen zu dynamischen, organischen und endlich psychischen im weitesten Verstande gesteigert werden);

   ferner Alles einem Ideal zuzubilden;

   endlich jenes Princip und dies Ideal in Eine Idee zu verknüpfen.“[viii]   

Alles „in Eine Idee verknüpfen“, kann mit einem modernen Wort als ganzheitlicher oder universeller Ansatz bezeichnet werden. Die Erkenntnis der Einheit in der Vielfalt, des Zusammenhangs aller Dinge des Kosmos macht dem Denkenden alle Dinge vertraut und damit interessant, weckt und erweitert somit das sachliche Interesse, was für eine Wissenschaft, die „in‘s Innere gepflanzt“ werden soll, wie gesagt, entscheidend ist. 

   Wer sich z.B. für Menschen interessiert, aber nicht für Tiere, dem kann das Interesse an Tieren dadurch nahegebracht werden, dass man ihm die Verwandtschaft zwischen Menschen und Tieren aufzeigt; etwa dass unterschiedliche Tierarten verschiedene im Menschen nur ansatzweise vorhandene Eigenschaften zur völligen Ausgestaltung und Perfektion ausgebildet haben. Die Gesamtheit der Tierwelt erscheint dann wie der in eine Vielheit von Wesen differenzierte Mensch, über dessen Natur daher gerade durch Tierbetrachtung viel gelernt werden kann (auch durch Karikaturen). - Oder wenn sich jemand für Griechenland interessiert, aber nicht für Ägypten, so braucht man ihm nur zu zeigen, dass beide entwicklungsgeschichtlich zusammengehören wie Blatt und Blüte und daher gerade durch vergleichende Studien eine tiefere Schicht der griechischen Kultur zu Tage tritt, die dem verengten Blick des Griechenspezialisten entgeht.

   Schon diese einfachen Beispiele zeigen, dass Zusammenhänge zwischen vermeintlich Unterschiedlichem erst auf einer tieferen Schicht sichtbar werden, also „aus der Tiefe des Geistes heraus geschaffen“[ix] werden müssen und ganz gewiss nicht durch oberflächliches „Sammeln extensiv aneinandergereiht werden“[x] können, einem rein informativen Faktenwissen also entgehen müssen.

   Dem oberflächlichen Blick zeigt sich der Zusammenhang nicht. Verschiedene Tische sehen auf den ersten Blick verschieden aus; erst die ihnen gemeinsame Idee des Tisches, die der Denkende erfasst, zeigt ihren Zusammenhang. Ohne Ideen keine Zusammenhänge. 

  

Eine der ergiebigsten Methoden für die Auffindung von Zusammenhängen ist nun aber die Anwendung der Entwicklungsidee. Denn das Gewordene zeigt sich differenziert, geht man aber auf den Werdeprozess ein, zeigt sich der Zusammenhang. Dieser macht in der zeitlichen Abfolge der Evolution erkennbar, wie alle Dinge auseinander entstanden sind. Dadurch wird deutlich, inwiefern die nebeneinander existierenden Dinge, die sich im Zustand des Gewordenseins befinden, miteinander verwandt sind. Insofern nämlich, als sie aus demselben Urprinzip hervorgegangen sind, das sich in ihnen nach der einen oder anderen Seite hin ausgestaltet hat.

   Beim allem ist also zu fragen, wie und woraus es sich entwickelt hat (es „entsprungen“ ist), damit das Komplizierte aufgrund des Ursprünglichen begreifbar wird. Jede Entwicklungsanalyse fragt nach dem Ursprung, dem „ursprünglichen Princip“[xi], von dem nach Humboldt „Alles abzuleiten“[xii] ist.

   Jedes Einzelwesen kann nach seinem Ursprung und seinem „ursprünglichen Princip“, seinem „Grundgedanken“ befragt werden; ebenso aber auch die Evolution als ganze. Nicht dass Humboldt darauf fix und fertige Antworten wünscht oder für möglich hält, aber allein die Frage danach gibt der Wissenschaft eine andere Ausrichtung.

  

Während auf der Seite der Vergangenheit der Ursprung liegt, so auf der Seite der Zukunft das Ideal, dem, Humboldt zufolge, „Alles zuzubilden“[xiii] sei. Auch das ist ein Entwicklungsgedanke, da sich jedes Entwickelnde in eine Richtung hin entwickelt, die auf ein Entwicklungsziel verweist, ein Ideal, dem wir es, bevor es real wird, ideal, d.h. in Gedanken, zubilden können. In Gedankenbildungen können wir die Dinge zu Ende denken, sozusagen die Dinge in Gedanken zu Ende „bilden“, dem Ideal zu, das sie anstreben, oft ohne es zu wissen.

   Und so erst erfassen wir die ganze Idee eines Wesens, etwa einer Pflanze, deren Idee sich im Laufe der Zeit entfaltet, während die vorgestellte Momentaufnahme von ihr, die sie nur in einem bestimmten Zustand ihrer Entwicklung zeigt, am Wesentlichen vorbei denkt. Die voll ausgewachsene, blühende Pflanze könnte als „Ideal“[xiv], die Frucht und der neue Keim als „Ziel“[xv] des Pflanzensamens bezeichnet werden, die „Eine Idee“[xvi] aber umfasst die ganze Pflanze, wie sie sich vom Ursprung („ursprüngliches Princip“) bis zu Ideal und Ziel entfaltet; daher Humboldt „endlich jenes Princip und dies Ideal in Eine Idee zu verknüpfen“[xvii] rät.

  

Humboldt plädiert damit für eine ganzheitliche Universalität der Universität, enträt dem Spezialistentum, weil es das Wesentliche aus dem Auge verliert, das sich nur im Zusammenhang zeigt. Da jedes Ding Teil des Ganzen ist, ist es letztlich dieses Ganze selbst, da es mit ihm eine Einheit bildet, kann also auch nur aus ihm heraus begriffen werden. Wesen und Bedeutung eines Fingers können nur durch die Kenntnis des ganzen menschlichen Organismus ersichtlich werden, während die isolierte Betrachtung durch den Fingerspezialisten unausweichlich zur Fachideotie führen muss.

Humboldt ist - im Sinne seiner oben schon dargestellten Denkweise - jedoch nicht der Ansicht, dass seine hier referierten inhaltlichen Hinweise irgendwie künstlich „befördert“ werden müssten, denn „es wird […] auch Niemand einfallen, dass unter Deutschen dies erst befördert werden brauchte.“[xviii] Sondern „dies Streben“[xix] ergibt sich von selbst, wenn man die Menschen frei schaffen lässt (egal ob Deutsche oder nicht Deutsche). Zwar kann „dies Streben“ „in voller und reiner Kraft […] nur in wenigen sein “[xx], was aber auch genügt, wenn es nur genügend „Achtung für dasselbe“[xxi] gibt „bei denen, die es ahnen, und Scheu bei denen, die es zerstören möchten.“[xxii]

Auszug aus dem Buch:

Der freiheitliche Universitätsbegriff Wilhelm von Humboldts, 2015 Achberg

- von Ingo Hoppe

Anmerkungen:

[i] Wilhelm von Humboldt, Über die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, aus: W. Humboldt, Gesammelte Schriften (17 Bde), Berlin 1968, Bd 10., S.253.

[ii] Ebenda, S.253.

[iii] Ebenda.

[iv] Ebenda.

[v] Ebenda, S.251.

[vi] Ebenda. S.251.

[vii] Wilhelm von Humboldt, Über die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, aus: W. Humboldt, Gesammelte Schriften (17 Bde), Berlin 1968, Bd 10., S.253.

[viii] Ebenda, S.253.

[ix] Ebenda, S.253.

[x] Ebenda.

[xi] Ebenda.

[xii] Ebenda.

[xiii] Ebenda.

[xiv] Ebenda.

[xv] Ebenda.

[xvi] Ebenda.

[xvii]Wilhelm von Humboldt, Über die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, aus: W. Humboldt, Gesammelte Schriften (17 Bde), Berlin 1968, Bd 10., S.253.

[xviii] Ebenda, S.253.

[xix] Ebenda, S.254.

[xx] Ebenda.

[xxi] Ebenda.

[xxii] Ebenda.

„In den Geisteswissenschaften sollte man sich freien Geistes entwickeln können. Und nicht vorgelegt bekommen, in welche Module man gehen muss.“

                                          Cindy Roberts 

(zitiert nach ZDF-heute journal über die Studen-tenproteste gegen die Bologna-Reform, Cindy Roberts war damals Philosophie-Studentin.)  

„Ich glaube, dass eine universitäre Bildung auf einem freien Studium basieren sollte, einer individuellen Schwerpunktwahl, da nicht jeder Student dieselben Interessen hat. Nicht jeder Student will vorgesetzt bekommen, was er zu tun hat, was er studieren soll. Jeder sollte die Möglichkeit haben, seine Fähigkeiten so zu entfalten, wie er es für richtig empfindet. Jeder soll die Möglichkeit haben, an der Universität das zu lernen und sich dort weiterzubilden, wo es ihm am wichtigsten erscheint für sein Leben, für seine Laufbahn, für seine persönliche Entwicklung."

 

(Aussage eines Studenten während der Studenten-Proteste gegen die Bologna-Reform)

"Es wäre mir am liebsten, einen Zustand zu erzeugen, wo die Studenten sich selbst lehren ... und lernen; ich leite das vielleicht ein bisschen ein - ich versuche diesen Zustand zu erreichen, dass also [...] das Lehrer-Schüler-Verhältnis einfach oszilliert: dass derjenige, der hört, der Schüler ist und derjenige, der spricht, der Lehrer ist; in dem Augenblick, wo das wechselt, wechselt auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis."

                                         Joseph Beuys

(Quelle: "Joseph Beuys und seine Klasse 2/3")

"Man muss das Wahre immer wieder-holen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum oben auf, und es ist ihm wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist."

                 Johann Wolfgang von Goethe

"Für den Durchschnittsmenschen mag es wünschenswert sein, wenn er unter Anleitung eines Dozenten die Arbeits-methoden bis in die Einzelheiten hinein lernt. Aber man sollte doch nicht immer auf den Durchschnittsmenschen bedacht sein. Man könnte es, wenn es wahr wäre, dass der bevorzugte Geist unter allen Umständen sich auch gegen alle fessel-nden Hindernisse Bahn bricht. Aber das ist eben nicht wahr. Die Dinge, die man dem Durchschnittsmenschen zum Frommen macht, hindern den besseren Geist an der Entfaltung seiner Indivi-dualität. Sie bewirken eine Verküm-merung seiner Selbständigkeit. Und wenn man [...] beim Examen den Nachweis fordert, an einer bestimmten Zahl von praktischen Übungen teilgenommen zu haben, so bildet eine solche Massregel für den, der seine eigenen Wege gehen will, eine Fessel. [...] An den Übungen lasse man den teilnehmen, der das Bedürfnis hat. Bei den Prüfungen aber frage man nicht, was jemand während seiner Studienzeit getrieben hat, sondern was er leisten kann. Wie er sich seine Befähigung erworben hat, das muss gleichgültig sein."

                                            Rudolf Steiner

"Es müssen sich in der Klasse selbst Lehrer-Schüler-Verhältnisse aus den Studenten selbst bilden - Gruppen, die das selbst machen, was ich sonst früher am Anfang, als ich hier an die Akademie kam, auch nur mit 6 Studenten oder 7, gearbeitet habe - so ist das heute in dieser Form nicht mehr möglich. Also es müssen sich Arbeitszentren aus der Klasse selbst bilden."

                                       Joseph Beuys

(Quelle: "Joseph Beuys und seine Klasse 2/3")