Texte zur Medienforschung

Von Dr. Kurt.E.Becker

Der Geist des Internet
Wir werden, was Aufschreib-Systeme aus uns machen
 

Die Nutzung und Anwendung technischer Errungenschaften ist ein Charakteristikum unserer Zivilisation, dynamisch fortschreitend und unser Leben und uns selbst grundlegend und immer wieder aufs Neue revolutionär verändernd. Welch einen essentiellen Einfluss speziell Aufschreib-Systeme und deren technologische Neuerungen auf den Menschen, sein Denken, Fühlen und Handeln haben, hat Friedrich A. Kittler, Begründer der Medien-Philosophie als einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin, bereits in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts erforscht. Wir danken ihm Einsichten in komplexe Zusammenhänge, deren Tiefendimension ausgelotet und quasi dadurch nachvollziehbar und damit in den Rang des Selbstverständlichen erhoben zu haben, unstrittig sein Verdienst ist. Denn mit den Aufschreib-Systemen und deren technologischem Fortschreiten verändert sich der Mensch.

Umwälzung aller Umwälzungen

Als „Aufschreib-Systeme“ hatte Kittler primär technische Einrichtungen, die dem Speichern von Daten dienen, bezeichnet. Die von ihm untersuchten Phasen von Aufschreib-Systemen reichten von der Erfindung des Buchdrucks über das Aufkommen technischer „Urmedien“, dem Telegrafen etwa, dem Grammophon, dem Kinetoskop bis hin zur Schreibmaschine, dem Radio oder dem Fernsehen – und last not least bis hin zur Umwälzung aller Umwälzungen, dem „totalen Medienverbund auf Digitalbasis“, der den Computer zum alles integrierenden Leitmedium erhebt.

Was heißt das für die Entwicklung des Individuums?

Buchstaben in Stein zu hauen oder einen Federkiel, Bleistift, Füllfederhalter, Kugelschreiber, dann zunächst eine mechanische und später eine elektronische Schreibmaschine zu nutzen, setzt höchst unterschiedliche Fähigkeiten und höchst differenzierte Qualifizierungen voraus, letztlich jeweils „andere“ Menschen, deren geistiges Profil sich notwendig an die benutzten Instrumente anpassen muss. Diese Adaption vollzieht sich als Akkomodation: Wir werden, was die Aufschreib-Systeme aus uns machen. Insbesondere wahrnehmbar wird die Akkomodation durch die gewaltigen Entwicklungsschübe, mit denen die Digitalisierung, begleitet von Techno-Systemen und Algorithmen, mit einer immer schneller werdenden Veränderungsdynamik über das, was einmal als menschliche Persönlichkeit charakterisiert wurde, über uns hereingebrochen ist und Macht gewinnt über unser Leben – im World Wide Web (www.) eine unbegrenzt sich ausbreitende Plattform nicht zuletzt der auch Selbstdarstellung generierend.

Liquidator grundlegender Persönlichkeitsrechte

Erinnern wir uns: In den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts waren wir zum Schutz unserer Privatsphäre aus Anlass einer angekündigten Volkszählung auf die Straße gegangen. Heute breiten wir freiwillig intimste Details eben dieser Privatsphäre in epischer Breite und Tiefe vor einer mehr oder minder geneigten Social Community zur Unterhaltung aus. Das souveräne Individuum hat sich in seinem Selbstverständnis revolutionär gewandelt, vom überzeugten Bewahrer und Verteidiger bestimmter grundlegender Persönlichkeitsrechte zu deren aktivem Liquidator: In den sozialen Medien und dem privaten Nachmittagsfernsehen wird tabufrei und bedenkenlos Privates und Persönliches kommuniziert, die öffentliche Zurschaustellung von Intimitäten wird als Triumph gefeiert, der Skandal veralltäglicht. Ein neuer Geist hat sich im Alltag unseres kommunikativen Miteinander breit gemacht und mit ihm eine neue Moral, eine neue Ethik und eine neue Art der Ansprache. Deutlich wird dies in der schriftlichen Anrede etwa bei Briefen: Einmal abgesehen davon, dass die Übermittlung in aller Regel elektronisch erfolgt und kaum mehr jemand einen Brief noch per Hand auf Papier schreibt und mit normaler Post versendet, scheinen Anreden wir „Sehr geehrt“ oder „Lieb“ auf eine vergangene Epoche zu verweisen.

Mit „Hallo“ oder „Guten Tag“ oder auch einfach „Hi“ werden Briefe eingeleitet, einen Stil kultivierend, der jener Oberflächlichkeit unter „Usern“ adäquat ist, mit der in den sozialen Netzwerken „Freundschaften“ geschlossen werden, besonders evident etwa bei der Nutzung von Whatsapp und dem mit der Nutzung selbstredend einhergehenden „Du“ als standardisierte Anrede.

Appendix der Wissensmaschine

Soweit so gut oder schlecht – je nach Perspektive. Bewerten mag dies jeder für sich. Noch gibt es jedenfalls keinen Zwang zur Teilnahme an den Errungenschaften der sozialen Medien. Weit bedenklicher sind die Auswirkungen der jederzeitigen Abrufbarkeit von Wissen durch einschlägige Suchdienste im Internet. Im Recherchieren und in der damit verbundenen Lektüre von ganzen Bibliotheken wurde im vordigitalen Zeitalter das Denken durch die disziplinierte und disziplinierende Methodologie des Forschens geschult. Heute braucht es keiner tiefschürfenden Systematik des Bibliografierens und der Recherche mehr. Das digitale Allzeit-Jetzt findet sein Komplement im jederzeit verfügbaren, scheinbaren All-Wissen, gelenkt und geleitet freilich von Algorithmen, die den User manipulieren und seinen Intellekt in Oberflächlichkeiten eindimensionieren. Denn der Geist des Internet ist oberflächlich und ohne jegliche Tiefendimension, ein Weltgeist der Masse, nicht der Klasse, wie ein Staubsauger alles absorbierend und die dialektische Welt des alten Weltgeistes Hegelscher Prägung zu einer einzigen nivellierenden Synthese zusammenführend – zu einer „Endlosschleife des absoluten Wissens“, wie in Anlehnung an Kittler formuliert werden kann.

Die Konvergenz des Wissens in den digitalen Medien fördert die intellektuelle Schmalspur-Akrobatik der für die Zwecke der Ökonomie in Windeseile eindimensional berufstauglich gemachten Hochschulabsolventen, denen gar nicht die Zeit gelassen wird und auch nicht gelassen werden soll, zu Persönlichkeiten zu reifen. Es geht ausschließlich um die Erreichung ökonomischer Funktionsfähigkeit in möglichst kurzer Zeit. Das selbstlernende, manipulative Aufschreib-System des digitalen Zeitalters ist gleichbedeutend eines Abgesangs auf ein Wesen, das einmal ein Mensch war und nun zum Appendix der Wissensmaschine degeneriert.

(Erstveröffentlichung: Info3, Juli/August 2018, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung)