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Was ist Bildung?
Die freie Akademie als Ort echter Bildung

„Bildung ist vor allem Selbstbildung und die möglichst harmonische Entwicklung der ganzen Person.“1 schreibt Heiner Hastedt, Professor für Philosophie der Universität Rostock und Herausgeber einer interessanten Textanthologie, worin er den Bildungsbegriff tiefergehend beleuchtet. „Selbstbildung und möglichst harmonische Entwicklung der ganzen Person“ ist für ihn eine am „Maßstab [...] der klassischen Bildungsphilosophie orientierte Erstumschreibung" von Bildung. Im Gegensatz dazu werde heute über Bildung "oft nur noch unter oberflächlicher oder sogar gänzlich sachfremder Nutzung des Wortes im Zusammenhang von Schule und Universität geredet (‚Bildungseinrichtungen‘, ‚Bildungsminister‘, ‚Bildungsinvestition‘, ‚Bildungsstreik‘)."

"Für Konrad Paul Liessmann sind wir deshalb in einer Welt der Unbildung angekommen: Eine Fernsehsendung vom Typ ‚Wer wird Millionär‘ verbreitet […] das Missverständnis, Bildung hätte etwas mit zusammenhanglosem Einzelwissen zu tun. Während Bildung in Schule und Universität meist zur Ausbildung und zum Erwerb von Kompetenzen und sogenannten Schlüsselqualifika-tionen wird, hat die Bildungsphilosophie die Möglichkeit, sich frei von vordergründigen Zweck-setzungen wieder auf ihren gedanklichen Kern zu konzentrieren. Wie der Bildhauer die Skulptur gestaltet, besteht Selbstbildung in dem Versuch, sich selbst zu formen, die eigenen Anlagen zu entwickeln und so ein gelingendes Leben zu führen.“2

„Bildung“ ist nach Hastedt also nicht gleich „Bildung“. Man kann verschiedenes darunter verstehen. Der Bildungsbegriff, wie er meist verwendet wird, ist oberflächlich und muss in seiner Tiefe erst wieder erarbeitet werden – eine Aufgabe der Philosophie. Ähnlich oberflächlich ist aber auch der Universitätsbegriff; auch hier kommt der Philosophie die Aufgabe zu, ein vertieftes Verständnis zu erarbeiten. Beide Aufgaben gehen letztlich Hand in Hand; denn:

Bildungsbegriff und Universitätsbegriff hängen direkt miteinander zusammen. Universität ist geradezu als Ort wahrer Bildung definiert. Degeneriert sie zur blossen „Ausbildung“ kann von Universität im eigentlichen Sinn keine Rede mehr sein. Indem wir den Begriff der Bildung erarbeiten, arbeiten wir also zugleich am Begriff der Universität, bzw. Akademie.

Das zeigt schon der zitierte Gedanke „Bildung ist vor allem Selbstbildung“; denn aus ihm lässt sich das Humboldtsche Prinzip der alten Universitätsfreiheit, des „Studiums unter eigener Leitung“ direkt ableiten. Universitäten müssen Orte sein, wo Menschen ihren Bildungsweg selbst bestimmen – nur dann kann von „Selbstbildung“ die Rede sein. Nur dann kann man „sich selbst formen“ wie „eine Skulptur“. In einer herkömmlichen „Ausbildung“ hingegen wird man geformt. Geformt von wem? Von Dozenten, die im autoritativen Habitus auftreten, von obligatorischen Curricular und Vorschriften seitens Staat und Wirtschaft. Ohne die freie, selbstbestimmte Eigentätigkeit des einzelnen, sich selbst bildenden Menschen, existiert echte Bildung eben gar nicht. Bildung ist notwendigerweise immer zugleich freie Selbsttätigkeit, also Ich-Tätigkeit. Findet diese nicht statt, so findet auch keine (altersgemässe) Bildung statt, sondern allenfalls Konditionierung – mit allen dazugehörigen Konnotationen: Manipulation, Indoktrinierung, Ich-Brechung, Kollektivierung, Gleichschaltung, Infantilisierung etc. Dies bedeutet nicht, dass der Studierende keine Anregungen von aussen annehmen dürfe oder solle – aber wie, in welcher Form und in welchem Masse man diese Anregungen auf sich einwirken lässt: diese Entscheidung muss dem Einzelnen überlassen bleiben.

Ohne Bildung, keine Zivilisation

Wer die aktuelle Weltlage analysiert, muss Hastedt Recht geben mit seiner Aussage, dass das hiermit angedeutete Prinzip der Selbstbildung heute mitnichten als „gesellschaftstheoretisch in seinem idealistischen Individualismus als naiv und veraltet angesehen werden“3 könne. Im Gegenteil: gerade wenn die gesellschaftliche Dimension mitberücksichtigt wird, gewinnt der freiheitliche Bildungsbegriff Relevanz, sogar Brisanz; denn mit ihm fassen wir den innersten Kern jeglicher progressiver Gesellschaftstransformation in Blick. Echte Gesellschaftstransformation kommt aus dem Innern des Menschen, aus dem heraus er zunächst sich selbst und dann sein Umfeld (um-)bildet. Deswegen musste dem „Verfall des Bildungsideals“, den Friedrich Nietzsche bereits für das 19. Jahrhundert beschrieb, der Verfall der Zivilisation nachfolgen.

Nietzsche betrachtete „Bildung als funktionalisiert durch ökonomisches Erwerbsstreben, durch den bevormundenden Staat in Dienst genommen, und auf ästhetische Bildung reduziert und – wie schon von Schopenhauer vorweggenommen – durch gelehrtenhafte und spezialisierte Wissenschaftsorientierung ausgetrocknet.“4, schreibt Hastedt. Und dieses Versagen der Bildung ist die direkte Ursache des Versagens von Zivilisation. Das könnte für jeden der von Nietzsche genannten Punkte gezeigt werden, beispielsweise für die „Reduktion auf ästhetische Bildung“. Bleibt es beim bloss Ästhetischen, der blossen Kunst im engeren Sinne, kann jene durch-schlagende Kraft des Geistes nicht entstehen, durch welche allein Zivilisation neu erschaffen werden könnte. Dasselbe passiert durch das Stehenbleiben beim blossen Gelehrtentum. Kunst und Gelehrtentum verbleiben innerhalb der – durch das etablierte Bürgertum und entsprechende Kulturprogramme – festgelegten Mauern und Muster herkömmlicher Kunst- und Wissenschaftspraxis. Erst der erweiterte Kunstbegriff, wie Joseph Beuys ihn entwickelte, kann diese Mauern sprengen und die kreative Gestaltungskraft der Kunst auf die gesamte Zivilisation ausdehnen. Ähnliches leistet ein „erweiterter Wissenschaftsbegriff“, der sich von den Fesseln des betreuten Denkens emanzipiert und infolgedessen zu ganz neuen Erkenntnissen und gesell-schaftstransformierenden Kraftwirkungen fähig ist. Menschliche Bildung, konsequent zu Ende gedacht, beginnt also mit Selbstbildung (Formung seiner selbst), führt aber zugleich, bzw. im nächsten Schritt, zu Weltbildung, zur Umbildung der Welt durch die kreative Schaffenskraft des menschlichen Geistes.

 

„Zivilisation neu schaffen“ ist also ein Bildungsimpuls – wirkliche Bildung mündet notwendiger-weise irgendwann in den Weltumgestaltungsimpuls hinein. Deswegen ist echte Bildung für die Herrschenden ja so gefährlich. Denn freie Gedanken passen nicht ins System, haben immer etwas „Umstürzlerisches“ an sich – aber sie sind in Wirklichkeit nichts Destruktives, sondern schaffende Kräfte, die das Gute aufbauen. Deswegen ist Bildung tatsächlich der wirksamste und wichtigste Hebel für den, der die Gesellschaft zu einer besseren machen möchte. Hier entscheidet sich alles; denn jede wirkliche Veränderung geht immer aus der schaffenden, schöpferischen Geisteskraft des Individuums hervor. Der Geist ist die wahrhaft revolutionäre Macht. Deswegen schreibt Hastedt mit Recht:

 

„Im 18. Jahrhundert formulierten Klassiker der Bildungsphilosophie wie Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt ein Ideal der Bildung, das in seiner höchsten Form umfassende persönliche und gesellschaftliche Veränderungen beansprucht.“Mit Recht stellt Hastedt zudem fest, dass gerade im Gegensatz zu den Greul der totalitären Auswüchse des 20. Jahrhunderts der klassische Bildungsbegriff wieder attraktiver erscheint. Es ist demnach in der „Neuberücksichti-gung eines individuellen Ideals eine Attraktion zu finden“ und „der Begriff der Bildung [gewinnt] neue Aktualität […]“6. Und je mehr sich dieser klassische Bildungsbegriff, der auf den Individualismus hin ausgerichtet ist, in der heutigen Bildungsrealität durchsetzt, desto geringer die Gefahr, wieder in totalitäre Gesellschaftsformen zu versinken. Die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts sind also keineswegs die Folge und Schuld des klassischen Bildungsbegriffs, sondern im Gegenteil: eine Folge dessen Verlusts. Dass 1933 „die vermeintlich Gebildeten genauso wenig resistent gegenüber den Verführungen der Nationalsozialisten“ waren „wie die meisten anderen Deutschen auch“7 ist kein Argument gegen wahre Bildung, sondern nur ein Beweis dafür, dass diese „vermeintlich Gebildeten“ eben nicht wirklich Gebildete waren, sondern dem verfallen sind, was Theodor W. Adorno mit Recht als „Halbbilung“8 diagnostizierte, „in der Bildungsgüter nur noch als Staffage für den gesellschaftlichen Aufstieg nützlich sind“9

 

Selbstbildung – der Kern freiheitlichen Universitätswesens

Hastedt erkennt das Prinzip der Selbstbildung als das zentrale Element des klassischen Bildungsbegriffs:

 

„Nicht nur bei Herder muss man die Selbstbildung des Individuums, die im Zentrum der klassischen Bildungstheorie steht, die Bildung in speziellen Institutionen (wie der Universität und der Schule) und […] die Bildung der Menschheit10 voneinander unterscheiden. Bei klassischen Bildungstheoretikern finden sich meist alle drei Elemente einer Bildungstheorie – entscheidend ist jedoch die Selbstbildung, die sich nicht auf Bildungsinstitutionen festlegt. Werden Bildungsinstitutionen zu Ausbildungsstätten, dann kann der Bildungsgedanke nur über Selbstbildung neu an Stärke gewinnen […]. Im Kontext der Aufklärung – von Immanuel Kant 1784 in ‚Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung‘ als ‚Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit‘ charakterisiert – steht Selbstbildung nicht nur für die autonome Veränderung der Individuen, sondern zugleich für eine Verbesserung der Welt durch die ihre Möglichkeiten entwickelnden Individuen. Selbstbildung enthält gerade keine Abschottung gegenüber der Welt; als gelingende steht sie immer in Auseinandersetzung mit ihren vielfältigen Facetten. In der Selbstbildung muss der Mensch keineswegs alles selbstüberlastend von sich aus machen, aber auch bei der von aussen kommenden Erfahrung – sei es als Geschenk oder als schicksalhaftes Widerfahrnis – ist diese immer noch vom Individuum zu verarbeiten, das zu entscheiden hat, ob sie zum Bildungsanlass wird oder ohne Folgen bleibt.“11

 

Solche Sätze können direkt für die Entwicklung des Universitätsbegriffs verwertet werden, insofern Bildung, die in Universitäten stattfindet, nicht per Definition in Gegensatz zu Selbstbildung gebracht wird, sondern die Universität geradezu als Stätte der Selbstbildung definiert wird. Und erst diese autonome Selbstbildung ist es dann, welche den „Ausgang aus der selbstverschuldeten Umündigkeit“ zu leisten vermag und infolgedessen eine wirkliche „Verbesserung der Welt“. Eben dies ist die Aufgabe wahrer Universität, die das Prinzip der Aufklärung als immer wieder neu zu leistenden individuellen Befreiungsakt begreift, in der die zu sich selbst erwachenden Individuen damit beginnen, sowohl sich selbst als auch die Zivilisation neu zu denken – und neu zu schaffen.

 

Das Neu-Schaffen der Welt ist wiederum nur möglich, wenn der Mensch den Mut hat, das Ganze ins Auge zu fassen, sich nicht im Spezialistentum verliert. Auch der Spezialist muss sein Einzelgebiet im Kontext des Ganzen sehen können. Und auch sich selbst, die eigene Individualität, mit ihren Fähigkeiten und Eigenschaften muss man im Kontext aller möglichen Fähigkeiten und Eigenschaften sehen können – und darüber hinaus in der Lage sein, sich als ganze Persönichkeit zu entwickeln, nicht nur als Kopf oder Leib oder Gefühl. Nur dann kann man als „gebildet“ gelten resumiert Hastedt:

 

„Das Ideal der Bildung beschränkt sich nicht auf einzelne Fertigkeiten von Menschen, sondern erfordert die Entwicklung der ganzen Person. Bei den Klassikern begegnet dieses Leitbild der organizistischen Harmonie. Einseitigkeiten und Spezialisierungen sind mit dem Bildungsgedanken nicht vereinbar. Der Experte als Experte ist ungebildet. In dieser Hinsicht ähnlich wie die Erleuchtung – gedacht im religiösen Kontext des Buddhismus –, wird die ganze Person einbezogen […]. Einzelne Fertigkeiten und Wissen über Spezielles als solche tragen im Kern weder zur Erleuchtung noch zur Selbstbildung bei. Friedrich Schiller formuliert die auf eine allseitige Entwicklung des Menschen zielende Idee, die den bei Kant besonders ausgeprägt zu findenden unauflösbaren Gegensatz von Pflicht und Neigung spielerisch überwinden kann. Wer einseitig allein auf […] ethische Pflicht oder egoistische Neigung setzt, ist demnach ungebildet – im Grunde ein Barbar.“12

 

Schiller führt in diesem Zusammenhang die Kunst ins Feld, deren revolutionierende Kraft später vor allem Beuys betonte. Aber jede Transformation sollte stets das Ganze im Blick behalten – sei es das Ganze eines Menschen, das Ganze der Gesellschaft oder das Ganze des Kosmos. Kunst ist immer etwas, das aus dem Ganzen des Menschen kommt – und wenn sie im Sinne von Beuys als erweiterter Kunstbegriff verstanden wird, dann ist sie immer auch auf die Umgestaltung der ganzen Gesellschaft hin ausgerichtet. Der Künstler begreift sein Tun als einen Teil jenes grossen gesellschaftlich-kosmischen Transformationsakts, durch den der durch die Menschheit wirkende schöpferische Geist die Welt auf eine neue Stufe der Evolution hebt – eine Art „Transhumanismus“, der nicht auf äussere Technik fokussiert ist: der Mensch wächst durch Bildung über sich selbst hinaus, nicht durch Apparate. Bildung ist schon deswegen nicht bloss eine Luxusbeschäftigung für Müssiggänger, sondern existenzielle Notwendigkeit, ohne die menschliche Zivilisation sich nicht nur nicht weiterentwickeln könnte, sondern aufhören würde zu existieren. Denn der Mensch ist nicht wie das Tier von der Natur mit allem ausgestattet, das er braucht, um existieren zu können. Sie hat ihm kein Fell geschenkt, das ihn gegen Kälte schützt, keine Krallen, um Löcher zu graben, keine Flügel, um zu fliegen – er muss geistig kreativ werden und sich seine Kleider und Werkzeuge selbst erschaffen. Er ist, wie Herder es ausdrückte, ein „Mängelwesen“, man spricht auch von „anthropologischer Bedürftigkeit“. Hastedt fasst zusammen:

 

„Besonders für Herder ist Bildung als Teil der Kultur notwendig, damit sich das Mängelwesen Mensch in der Welt zurechtfindet. Gerade deshalb, weil der Mensch nicht perfekt in eine ökologische Nische eingepasst ist, muss er sich als in diesem Sinne nicht festgestelltes Tier weiterentwickeln und sich selbst bilden. Ohne Bildung bleibt der Mensch gefährdet; mit Bildung hat er eine Chance auf Überleben. Die anthropologische Bedürftigkeit macht für Herder deutlich, dass Bildung in einem angemessenen Verständnis keine beliebige Zierde des menschlichen Lebens ist, sondern geradezu eine Notwendigkeit [...]“13

 

Der Satz „ohne Bildung bleibt der Mensch gefährdet“ gilt aber nicht nur im Dschungel der Urzeit, wo der von Natur verletzliche Mensch sich durch eigene, geistige und handwerkliche Kreativität Waffen schnitzen musste, um gegen wilde Tiere eine Chance zu haben. Sondern er gilt auch für den Großstadt-Dschungel der Gegenwart, wo er durch alle möglichen Spielarten von Raubtier-Kapitalismus bedroht wird. Auch hier hat der Mensch „nur mit Bildung eine Chance auf Überleben“. Ohne sie hingegen wird er vorzeitig von Pestiziden, Elektrosmog und Handy-Sucht physisch und psychisch zerrüttet werden. Nur echte Bildung kann ihn zu jener aufgeklärten Selbstermächtigung führen, durch die er sich gegen die Angriffe des Kapitalismus und anderer gesellschaftlicher Repressionen innerlich und äusserlich verteidigen kann. Bildung ist in diesem Sinne also durchaus „anti-kapitalistisch“, weil sie dem Menschen hilft, den Gepflogenheiten der Konzerne, ihn als blosses Konsumtier zu missbrauchen, den freien Geist entgegenzustellen, der aus inneren Impulsen selbstständig denken und entscheiden lernt, statt von Werbe- und Propagandapsychologen manipulativ fremdgesteuert zu werden.

 

Bildung macht also stark, sie hilft dem Menschen zu überleben und ggf. die Verhältnisse massgeblich zu verändern. Sie eröffnet dem Menschen eine gewaltige Entwicklungsperspektive, man kann in diesem Zusammenhang folglich mit Recht von „Bildungs- oder Aufklärungsoptimismus“ sprechen:

 

„Die anthropologische Bedürftigkeit lässt sich im 18. Jahrhundert aufklärungsoptimistisch und auf den Fortschritt in der Verbesserung bzw. Perfektibilität des Menschen hoffend als überwindbar denken, indem die ganze Person ‚wächst‘. An dieser erneut organizistischen Metapher [‚wachsen‘] werden die Vorlieben des traditionellen Bildungsbegriffes deutlich: In Auseinandersetzung mit der Welt und anderen nicht auf der Stelle zu treten, sondern zu einer ‚wachsenden‘ Veränderung zu kommen, stellt einen hohen Wert dar. Der Bildungsgedanke grenzt sich auf diese Weise von traditionellen Lebenskonzepten ab, die in Bescheidenheit ein Einfügen in gesellschaftliche oder auch kosmische Verhältnisse verlangen. Bildung hält das eigene Leben und das andere in optimistischer Weise für veränderbar, so dass der Prozess des Wachsens gegenüber dem des Nicht-Wachsens bevorzugt wird.“14

 

Auch hieran wird der gesellschaftstransformatorische, im besten Sinne des Wortes „revolutionäre“, ja „anarchische“ Charakter des aufklärerischen Bildungsoptimismus sichtbar: sich eben nicht bloss „bescheiden in die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse einzufügen“, sondern sie im Prozess des eigenen Wachsens durch Bildung zu verändern – und zwar aufgrund von Impulsen, die aus den Innenleben der einzelnen Menschen selbst hervorgehen, statt von aussen aufoktroyiert zu werden. Und eben dies ist eine zentrale Aufgabe der Universität als „Stätte wahrer Bildung“: diesen Prozess des inneren Wachsens mit dem daraus hervorspriessenden Verändern der Gesellschaft in Gang zu bringen, bzw. selbst aktiv zu praktizieren.

 

Ein weiterer interessanter Punkt, den Hastedt anspricht, ist die „Steigerung der Individualität bei gleichzeitig überindividueller Verbindlichkeit“15, worin wiederum ein zentrales Gestaltungsprinzip freien Universitätslebens zum Ausdruck kommt:

 

„Das selbstbildende Wachsen der ganzen Person soll nicht nach einem vorab festgelegten Muster erfolgen, sondern zu einem eigenen individuellen Weg führen, der die Individualität jedes einzelnen entwickelt und steigert. Das Konzept der Bildung und der neuzeitliche Individualismus gehören zusammen […]. Die Steigerung der Individualität wird bei Herder und Humboldt nicht als Gegensatz zur Verbindlichkeit angesehen.“16

 

Zu einem Gegensatz kann dies nur dann werden, wenn die Verbindlichkeit als Zwang auferlegt wird, statt aus der Sache selbst hervorzugehen, an welcher das Individuum aus sich heraus interessiert ist. Dies ist ein wichtiger Punkt bezüglich der Schnittmenge von Bildung und Universität. Autoritär vorgegebene und insofern „verbindliche“ Curricular können durchaus in Gegensatz zur Entfaltung der Individualität kommen, wie auch Hastedt schreibt:

 

„Die Frage, wie verbindlich Bildung ist, wird oft mit der Kanondiskussion gleichgesetzt, bei der es allerdings um die Verbindlichkeit von Bildungsinhalten geht und weniger um die Frage einer Bildung der gesamten Person. Ein kanonisierter Bildungsinhalt kann sogar, nämlich dann, wenn er zum Selbstzweck stilisiert wird, von der Selbstbildung ablenken.“17

 

Er soll also nicht zum „Selbstzweck“ werden, sondern den Zwecken der Individualität dienen, sozusagen zum „Individualitäts-Zweck“ werden. Beide schliessen sich gegenseitig aus. Curricular als Selbstzweck zerstört notwendigerweise den eigenen Bildungsweg und damit den Individualitäts-Zweck.

 

 

Bildung als Lebenskunst

Künstler des eigenen Lebens zu werden, Gestalter und Former des eigenen Lebens ist zentrales Fundament und zugleich Ergebnis konsequent aufgefasster Selbstbildung. Dass bei noch so weisen Einflüssen der Aussenwelt es letztlich immer nur das individuelle Selbst jedes einzelnen Menschen sein kann, das inmitten einer Vielzal von Optionen entscheidet, welchen Weg es gehen will, verweist auf das Prinzip der Selbstfindung nicht nur als eines Grundlements jeglichen Bildungsweges schlechthin, sondern auch der Gestaltung des eigenen Lebenswegs (Lebenskunst) und letztlich der Welt:

 

„Michel Foucault formuliert in seinem Spätwerk eine ‚Ästhetik der Existenz‘, die in der ‚Sorge um sich‘ indirekt Gedanken der Selbstbildung stark macht. Lebenskunst ist ein Thema der Philosophie, das in der Antike im Zentrum des Nachdenkens steht, in der Neuzeit aber durch eine Ethik, die auf methodische Allgemeinheit zielt, an den Rand gedrängt wird. Seit einiger Zeit ist jedoch – nicht nur veranlasst duch Foucaults Spätwerk – eine Renaissance des Interesses an der Lebenskunst, dem guten Leben und dem damit verbundenen Thema des Glücks zu beobachten. Als Lebenskünstler muss der Mensch nicht nur das ethisch Richtige beachten, sondern Entscheidungen zwischen Lebensmöglichkeiten überhaupt treffen.“18

 

Lebenskunst hat auch eine politisch-gesellschaftliche Dimension. Lebenskünstler sind oft Menschen, die eine andere Art des Lebens gestalten möchten und können, als durch das herrschende System vorgezeichnet: zum Beispiel ein Leben mit mehr Naturverbundenheit, Autonomie, sozialen Wohnformen usw. Die Grenzen zwischen individueller Lebenskunst und gesellschaftlicher Transformation sind hierbei fliessend. Wer anders leben will, wird um dieses anderen Lebens willen notwendigerweise beginnen, Gesellschaft umzugestalten. Stösst er bezüglich seiner eigenen Lebensgestaltung auf Grenzen, beginnt er kritisch über etablierte Strukturen zu reflektieren, sie zu hinterfragen. Beides gehört zusammen: die Gestaltung der Gesellschaft und die Formung der eigenen Individualität – das Pendel kann einmal mehr in die eine, dann mehr in die andere Richtung ausschlagen; aber letztlich gehören beide zusammen. Wer beispielsweise sein eigenes Denken umgestalten will, wird auch den Impuls entwickeln, andere Gedanken auszusprechen, mitzuteilen, im Gespräch zu kultivieren, was letztlich vielleicht zu dem Impuls führen kann, eine andere Presse oder andere Bildungsangebote zu schaffen. Wer gesünder leben will, wird Biolandbau unterstützen, wer Spiritualität und Kreativität sucht, wird diese auch für seine Kinder wünschen und infolgedessen andere Schulen suchen oder kreieren. Selbstbildung und Weltbildung können letztlich nicht getrennt werden. Die Quelle von beidem ist ein und dasselbe: das innerste Selbst des Menschen, der schöpferische Geist, der in jedem Menschen schlummert und „alle Dinge neu machen“ will und kann. Grundlage dafür ist eine Kultur geistiger Freiheit – nur aus geistiger Freiheit können neue schöpferische Impulse erwachsen. Doch sie erscheinen dem herrschenden System als eine Gefahr (oft übrigens zu Unrecht), weshalb amtierende Machtinhaber geistiger Freiheitskultur nicht selten ablehnend gegenüberstehen – und infolgedessen wohl auch der Einrichtung freier Universitäten, in denen durch die Ermöglichung echter Selbstbildung die „Erweckung des Selbst“ stattfände und damit verbunden die Ausbildung eines freien Denkens, das die Fehler des herrschenden Systems durchschauen würde, um sie im nächsten Schritt zu beheben, was möglicherweise mit einer Entmachtung herrschender Kreise einherginge, die von diesen nicht gewollt sein kann. Wer beispeislweise das herrschende kapitalistische-neoliberale System durchschaut, in dem wenige Superreiche den immer ärmer werdenden Grossteil der Bevölkerung ausrauben und verelenden (zumal global gesehen), wird sich daran machen, diese ungerechten sozialen Missstände zu beheben.

 

Bildung ist also das einzige, was den Menschen aus seiner Misere befreien kann. Solange der Mensch sich von den herrschenden Medien und Bildungsinstitutionen verdummen lässt und die angedeuteten Zusammenhänge nicht durchschaut,- solange er nicht versteht, wie er durch das kapitalistische System ausgebeutet wird, solange wird er die wahren Ursachen des Scheiterns seines eigenen Lebenslaufs nicht durchschauen, geschweigedenn beheben können. Er wird seine persönliche Erfolglosigkeit nur seiner eigenen Unfähigkeit zuschreiben (oder derjenigen seiner Eltern), aber die gesamtgesellschaftlichen Ursachen seines Scheiterns nicht erkennen. Mit anderen Worten: „Ohne Bildung bleibt der Mensch gefährdet; mit Bildung hat er eine Chance auf Überleben.“19 Wer in einem Slum lebt, aber über genügend Bildung verfügt, hat weit grössere Chancen, sich aus seiner Misere herauszuarbeiten als jemand ohne Bildung. Er kann sich mit anderen zusammenschliessen und gemeinsam mit ihnen Strategien entwickeln, durch die man sich heraufarbeiten kann. Er vermag seinen eigenen Lebenslauf aktiv und bewusst zu ergreifen und aus zuverlässigen Einsichten heraus umzugestalten. Bildung im ganzheitlichen Sinne des Wortes bedeutet nie blosses Wissen, sondern immer auch die bewusste und aktive Gestaltung des eigenen Lebenslaufs:

 

„Die engagierte Gestaltung des eigenen Lebensweges kann als Prozess der Selbstbildung beschrieben werden. Lebenskunst bedarf einer solchen selbstbildenden Formung, sonst scheitert das Leben in der blossen Zertreuung und der Vielzahl der Möglichkeiten: Optionen ersticken dann die Wirklichkeit. Schon Buridans Esel verhungert, weil er sich zwischen zwei Heuhaufen nicht für einen entscheiden kann. Optionen werden zahlreicher, je länger sie betrachtet werden; stabile Eindeutigkeiten lassen sich aus der Struktur der Optionalität nicht gewinnen. Selbstbildung unternimmt den Versuch, diese Struktur in einer verdichteten Selbstkonfrontation zu überwinden. Gegen die zerstörerische Struktur der leistungsbezogenen Selbstprüfung und der Optionalität setzt Georg Franck etwas, das er aus der asiatischen Kultur aufgreift und Selbstaufmerksamkeit nennt. Ganz ähnlich interpretiert Emil M. Cioran eine alte Kunst auf ungewöhnliche Art und Weise: ‹Meditieren heisst, sich der Überfülle der Ideen zu widersetzen, es dahin zu bringen, dass eine einzige uns lange Zeit beschäftigt.›“20

 

Wer ein Ziel erreichen will, muss fähig sein, sich zu fokussieren, sich auf ein Ziel ausrichten und daran festhalten können. Wer ziellos heute dies und morgen jene Richtung einschlägt, wird keinen Erfolg haben. Zielgerichtetes Handeln aber setzt die Fähigkeit zur Selbstbildung voraus, bzw. wird durch sie erlernt. Deshalb ist die Humboldtsche Universität der ideale Bildungsraum, um eben diese Fähigkeit zu erlernen. Denn es findet in ihr eine „Erweckung des Selbst“ statt, der Einzelne lernt, eigene Fragen zu entwickeln und diesen nachzugehen. Die Fähigkeit zum „Studium unter eigener Leitung“(Humboldt) wird später Fähigkeit zu „Lebensführung unter eigener Leitung“, zum zielgerichteten Handeln. Dazu gehört: verzichten können – nämlich auf all das, was von den gesteckten Zielen ablenkt. Dies kann man aber nur, wenn man sich seiner Ziele sicher ist. Folglich kommt sehr viel darauf an, die eigenen Lebensziele zu finden. Doch wie findet man sie? Oben wurden bereits zwei Antworten zitiert: durch „verdichtete Selbstkonfrontation“21 und „Selbstaufmerksamkeit“22. Die sogenannte „Biographiearbeit“ kann dafür sehr hilfreich sein – „Selbstfindung“ im besten Sinne des Wortes, wie sie nur in freien Bildungseinrichtungen möglich ist. In unfreien Bildungsinstitutionen hingegen findet genau das Gegenteil statt: der Selbstfindung wird durch autoritativ aufoktroyierte kollektive Gleichschaltung entgegengearbeitet, das Selbst wird betäubt, ja gebrochen. Statt Selbststeuerung wird die Unterwerfung unter Fremdsteuerung eingeübt. Ziele werden von oben gegeben, statt sie aus dem eigenen Innern der einzelnen Individualitäten entstehen und sich entwickeln zu lassen.

 

„Nach 1968 – vielfach motiviert durch Kritische Theorie und noch gesteigert beispielsweise durch Michel Foucaults Machttheorie – besteht eine hohe Sensibilität für das Unterdrückungspotential von Bildungseinrichtungen.“23 Allerdings hat diese Sensibilität im 21. Jahrhundert wieder dramatisch abgenommen, das „Unterdrückungspotential von Bildungseinrichtungen“ (oder besser gesagt die „Unterdrückungsrealität“) hingegen wieder zugenommen (beispielsweise durch den Bologna-Prozess 1998-2010). Paradoxerweise lässt sich die Schlüsselfähigkeit echter Bildung, nämlich die Selbstdisziplin, gerade nicht in verschulten Lehrgängen, sondern in freien Universitäten im Sinne Humboldts am besten ausbilden. Verschulte, autoritativ bevormundete Bildungswege lehren die Studierenden zu gehorchen, sich einer von oben gegebenen „Fremddisziplin“ unterzuordnen – Selbstdisziplin ist etwas völlig anderes. Wie soll ein Mensch Selbstdisziplin entwickeln, dessen Selbst betäubt, unterdrückt, gebrochen wurde? Selbstdisziplin lernt man am besten in Freiheit, auch wenn dies am Anfang schwer fallen mag. Es ist eine Frage der inneren Selbstschulung, die man Schritt für Schritt erlernen kann, ein regelrechter Schulungsweg, auf dem man lernt, sich aus eigener Initiative heraus selbst zu steuern und zu disziplinieren. Und das ist von entscheidender Wichtigkeit; denn „sowohl in der Lebenskunst als auch für Arbeit und Wissensaneignung sind Selbstdisziplin, Training und Übung erforderlich. Bildung lässt sich deshalb heute auch […] als Fähigkeit zur Entwicklung von Techniken der Übung und Disziplin verstehen. Es handelt sich hierbei nicht um bloss kritikwürdige Sekundärtugenden, sondern um die Voraussetzung zur Erschliessung vieler Lebensfelder.“24

 

1 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.7

2 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.7

3 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.8

4 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.8

5 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.9

6 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.8

7 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.8

8 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.8

9 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.8

10 Der Begriff der „Bildung der Menschheit“ ist ungewohnt. Er bezieht sich auf den historischen Werdegang der gesamten Menschheit, der „Erziehung des Menschengeschlechts“, wie Lessing es nannte, „wo die Ausseninstanz Gottes benötigt wird, um die Erziehung der ganzen Menschheit zu erörtern.“ (Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.10).

11 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.9f.

12 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.11

13 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.11f

14 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.12

15 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.13

16 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.13

17 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.13

18 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.15f

19 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.11

20 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.15f

21 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.15f

22 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.15f

23 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.18

24 Heiner Hastedt, Was ist Bildung?, 2012 Stuttgart, S.19.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Dr. Kurt.E.Becker

Der Geist des Internet
Wir werden, was Aufschreib-Systeme aus uns machen

 

Die Nutzung und Anwendung technischer Errungenschaften ist ein Charakteristikum unserer Zivilisation, dynamisch fortschreitend und unser Leben und uns selbst grundlegend und immer wieder aufs Neue revolutionär verändernd. Welch einen essentiellen Einfluss speziell Aufschreib-Systeme und deren technologische Neuerungen auf den Menschen, sein Denken, Fühlen und Handeln haben, hat Friedrich A. Kittler, Begründer der Medien-Philosophie als einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin, bereits in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts erforscht. Wir danken ihm Einsichten in komplexe Zusammenhänge, deren Tiefendimension ausgelotet und quasi dadurch nachvollziehbar und damit in den Rang des Selbstverständlichen erhoben zu haben, unstrittig sein Verdienst ist. Denn mit den Aufschreib-Systemen und deren technologischem Fortschreiten verändert sich der Mensch.

Umwälzung aller Umwälzungen

Als „Aufschreib-Systeme“ hatte Kittler primär technische Einrichtungen, die dem Speichern von Daten dienen, bezeichnet. Die von ihm untersuchten Phasen von Aufschreib-Systemen reichten von der Erfindung des Buchdrucks über das Aufkommen technischer „Urmedien“, dem Telegrafen etwa, dem Grammophon, dem Kinetoskop bis hin zur Schreibmaschine, dem Radio oder dem Fernsehen – und last not least bis hin zur Umwälzung aller Umwälzungen, dem „totalen Medienverbund auf Digitalbasis“, der den Computer zum alles integrierenden Leitmedium erhebt.

Was heißt das für die Entwicklung des Individuums?

Buchstaben in Stein zu hauen oder einen Federkiel, Bleistift, Füllfederhalter, Kugelschreiber, dann zunächst eine mechanische und später eine elektronische Schreibmaschine zu nutzen, setzt höchst unterschiedliche Fähigkeiten und höchst differenzierte Qualifizierungen voraus, letztlich jeweils „andere“ Menschen, deren geistiges Profil sich notwendig an die benutzten Instrumente anpassen muss. Diese Adaption vollzieht sich als Akkomodation: Wir werden, was die Aufschreib-Systeme aus uns machen. Insbesondere wahrnehmbar wird die Akkomodation durch die gewaltigen Entwicklungsschübe, mit denen die Digitalisierung, begleitet von Techno-Systemen und Algorithmen, mit einer immer schneller werdenden Veränderungsdynamik über das, was einmal als menschliche Persönlichkeit charakterisiert wurde, über uns hereingebrochen ist und Macht gewinnt über unser Leben – im World Wide Web (www.) eine unbegrenzt sich ausbreitende Plattform nicht zuletzt der auch Selbstdarstellung generierend.

Liquidator grundlegender Persönlichkeitsrechte

Erinnern wir uns: In den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts waren wir zum Schutz unserer Privatsphäre aus Anlass einer angekündigten Volkszählung auf die Straße gegangen. Heute breiten wir freiwillig intimste Details eben dieser Privatsphäre in epischer Breite und Tiefe vor einer mehr oder minder geneigten Social Community zur Unterhaltung aus. Das souveräne Individuum hat sich in seinem Selbstverständnis revolutionär gewandelt, vom überzeugten Bewahrer und Verteidiger bestimmter grundlegender Persönlichkeitsrechte zu deren aktivem Liquidator: In den sozialen Medien und dem privaten Nachmittagsfernsehen wird tabufrei und bedenkenlos Privates und Persönliches kommuniziert, die öffentliche Zurschaustellung von Intimitäten wird als Triumph gefeiert, der Skandal veralltäglicht. Ein neuer Geist hat sich im Alltag unseres kommunikativen Miteinander breit gemacht und mit ihm eine neue Moral, eine neue Ethik und eine neue Art der Ansprache. Deutlich wird dies in der schriftlichen Anrede etwa bei Briefen: Einmal abgesehen davon, dass die Übermittlung in aller Regel elektronisch erfolgt und kaum mehr jemand einen Brief noch per Hand auf Papier schreibt und mit normaler Post versendet, scheinen Anreden wir „Sehr geehrt“ oder „Lieb“ auf eine vergangene Epoche zu verweisen.

Mit „Hallo“ oder „Guten Tag“ oder auch einfach „Hi“ werden Briefe eingeleitet, einen Stil kultivierend, der jener Oberflächlichkeit unter „Usern“ adäquat ist, mit der in den sozialen Netzwerken „Freundschaften“ geschlossen werden, besonders evident etwa bei der Nutzung von Whatsapp und dem mit der Nutzung selbstredend einhergehenden „Du“ als standardisierte Anrede.

Appendix der Wissensmaschine

Soweit so gut oder schlecht – je nach Perspektive. Bewerten mag dies jeder für sich. Noch gibt es jedenfalls keinen Zwang zur Teilnahme an den Errungenschaften der sozialen Medien. Weit bedenklicher sind die Auswirkungen der jederzeitigen Abrufbarkeit von Wissen durch einschlägige Suchdienste im Internet. Im Recherchieren und in der damit verbundenen Lektüre von ganzen Bibliotheken wurde im vordigitalen Zeitalter das Denken durch die disziplinierte und disziplinierende Methodologie des Forschens geschult. Heute braucht es keiner tiefschürfenden Systematik des Bibliografierens und der Recherche mehr. Das digitale Allzeit-Jetzt findet sein Komplement im jederzeit verfügbaren, scheinbaren All-Wissen, gelenkt und geleitet freilich von Algorithmen, die den User manipulieren und seinen Intellekt in Oberflächlichkeiten eindimensionieren. Denn der Geist des Internet ist oberflächlich und ohne jegliche Tiefendimension, ein Weltgeist der Masse, nicht der Klasse, wie ein Staubsauger alles absorbierend und die dialektische Welt des alten Weltgeistes Hegelscher Prägung zu einer einzigen nivellierenden Synthese zusammenführend – zu einer „Endlosschleife des absoluten Wissens“, wie in Anlehnung an Kittler formuliert werden kann.

Die Konvergenz des Wissens in den digitalen Medien fördert die intellektuelle Schmalspur-Akrobatik der für die Zwecke der Ökonomie in Windeseile eindimensional berufstauglich gemachten Hochschulabsolventen, denen gar nicht die Zeit gelassen wird und auch nicht gelassen werden soll, zu Persönlichkeiten zu reifen. Es geht ausschließlich um die Erreichung ökonomischer Funktionsfähigkeit in möglichst kurzer Zeit. Das selbstlernende, manipulative Aufschreib-System des digitalen Zeitalters ist gleichbedeutend eines Abgesangs auf ein Wesen, das einmal ein Mensch war und nun zum Appendix der Wissensmaschine degeneriert.

(Erstveröffentlichung: Info3, Juli/August 2018, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung) 

       Aus einer Denkschrift Wilhelm von Humboldts:

"Der Begriff der höheren wissenschaftlichen Anstalten, als des Gipfels, in dem alles, was unmittelbar für die moralische Cultur der Nation geschieht, zusammenkommt, beruht darauf, dass dieselben bestimmt sind, die Wissenschaft im tiefsten und weitesten Sinne des Wortes zu bearbeiten, und als einen nicht absichtlich, aber von selbst zweckmässig vorbereiteten Stoff der geistigen und sittlichen Bildung zu seiner Benutzung hinzugeben.

   Ihr Wesen besteht daher darin, innerlich die objective Wissenschaft mit der subjectiven Bildung, äusserlich den vollendeten Schulunterricht mit dem beginnenden Studium unter eigener Leitung zu verknüpfen, oder vielmehr den Uebergang von dem einem zum anderen zu bewirken. Allein der Hauptgesichtspunkt bleibt die Wissenschaft. Denn sowie diese rein dasteht, wird sie von selbst und im Ganzen, wenn auch einzelne Abschweifungen vorkommen, richtig ergriffen."

  

"Da diese Anstalten ihren Zweck indess nur erreichen können, wenn jede, soviel als immer möglich, der reinen Idee der Wissenschaft gegenübersteht, so sind Einsamkeit und Freiheit die in ihrem Kreise vorwaltenden Principien. Da aber auch das geistige Wirken in der Menschheit nur als Zusammenwirken gedeiht, und zwar nicht bloss, damit Einer ersetze, was dem Anderen mangelt, sondern damit die gelingende Thätigkeit des Einen den Anderen begeistere und Allen die allgemeine, ursprüngliche, in den Einzelnen nur einzeln oder abgeleitet hervorstrahlende Kraft sichtbar werde, so muss die innere Organisation dieser Anstalten ein ununterbrochenes, sich immer selbst wieder belebendes, aber ungezwungenes und absichtsloses Zusammenwirken hervorbringen und unterhalten."

  

"Es ist ferner eine Eigenthümlichkeit der höheren wissenschaftlichen Anstalten, dass sie die Wissenschaft immer als ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem behandeln und daher immer im Forschen bleiben, da die Schule es nur mit fertigen und abgemachten Kenntnissen zu thun hat und lernt. Das Verhältniss zwischen Lehrer und Schüler wird daher durchaus ein anderes als vorher. Der erstere ist nicht für die letzteren, Beide sind für die Wissenschaft da; sein Geschäft hängt mit an ihrer Gegenwart und würde, ohne sie, nicht gleich glücklich von statten gehen; er würde, wenn sie sich nicht von selbst um ihn versammelten, sie aufsuchen, um seinem Ziele näher zu kommen durch die Verbindung der geübten, aber eben darum auch leichter einseitigen und schon weniger lebhaften Kraft mit der schwächeren und noch parteiloser nach allen Richtungen muthig hinstrebenden."

 

"Was man daher höhere wissenschaftliche Anstalten nennt, ist, von aller Form im Staate losgemacht, nichts Anderes als das geistige Leben der Menschen, die äussere Musse oder inneres Streben zur Wissenschaft und Forschung hinführt. Auch so würde Einer für sich grübeln und sammeln, ein anderer sich mit Männern gleichen Alters verbinden, ein Dritter einen Kreis von Jüngern um sich versammeln."

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